Der Impfstoff von AstraZeneca: Besser als sein Ruf

 

publiziert am 1. April 2021

Unter Wissenschaftlern besteht der Konsens, dass nur eine Impfung gegen COVID-19 die Pandemie in einem realistischen Zeitrahmen effizient beenden kann. In nationalen Impfkampagnen werden derzeit verschiedene Impfstoffe eingesetzt; insbesondere der ChAdOx1-Impfstoff von AstraZeneca wurde dabei kürzlich kontrovers diskutiert, weniger sicher und effizient als erwartet zu sein. In diesem Artikel fassen wir einige der jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen und erklären, warum der Impfstoff von AstraZeneca sowohl hocheffizient als auch unabdingbar im Kampf gegen SARS-CoV-2 ist.

 

Das Ziel der Impfstoffe gegen COVID-19 ist es, die Pandemie zu beenden. In der Praxis haben sie dabei einen mehrfachen Nutzen: Sie können einen schweren Krankheitsverlauf und einen Krankenhausaufenthalt vermeiden, die Übertragung des Virus reduzieren oder einen Schutz gegen aktuelle Varianten bieten. Hier präsentieren wir Ihnen die wichtigsten Dinge, die Sie über den Impfstoff von AstraZeneca wissen sollten:

1. Für den AstraZeneca-Impfstoff sind keine schweren Nebenwirkungen nachgewiesen

Während des Zulassungsverfahrens durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) wurden auch die Impfwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs gründlich untersucht. Abgesehen von den üblichen Wirkungen von Impfstoffen wie vorübergehende Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen und Müdigkeit wurden keine ungewöhnlichen Nebenwirkungen festgestellt. Diese Effekte sind völlig normal und zeigen, dass das Immunsystem aktiv ist und auf den Impfstoff anspricht. Wie andere COVID-19-Impfstoffe zeigt jedoch auch der AstraZeneca-Impfstoff eine stärkere Impfreaktionen als klassische Impfstoffe. In jüngster Zeit wurden dabei in mehreren Ländern vereinzelte Fälle einer bestimmten Art von Thrombose gemeldet, bei denen ein Zusammenhang mit der Impfung vermutet wurde. Ein solches Auftreten von Blutgerinnseln wurde laut EMA in 25 Fällen von 20 Millionen geimpften Personen beobachtet. Zudem konnte in einer aktuellen Studie von AstraZeneca kein erhöhtes Thromboserisiko im Vergleich zur ungeimpften Allgemeinbevölkerung festgestellt werden. Sowohl die EMA als auch die WHO kommen zu dem Schluss, dass bislang kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden kann und somit der Nutzen des Impfstoffs von AstraZeneca in jedem Fall seine Nebenwirkungen überwiegt. Sie empfehlen daher seinen weiteren Einsatz im Kampf gegen die Pandemie.

Einige Länder haben dennoch die Altersspanne angepasst, in der die Menschen den Impfstoff von AstraZeneca erhalten werden. Luxemburg folgt dabei der Empfehlung der EMA (Stand 31. März 2021).

2. Der Impfstoff von AstraZeneca kann auch Menschen über 65 Jahren helfen

Ursprünglich hatten mehrere Länder beschlossen, den Impfstoff von AstraZeneca nur Menschen unter 65 Jahren zu verabreichen, nachdem er Ende Januar 2021 von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen wurde. Der Grund dafür war nicht etwa ein Mangel an Sicherheit oder Wirksamkeit des Impfstoffs, sondern vielmehr ein Mangel an Daten für diese spezielle Altersgruppe. Das Design von klinischen Studien zur Prüfung von Impfstoffen definiert die Bedingungen, unter denen der Impfstoff später zugelassen und verabreicht werden kann. Die klinischen Studien des Impfstoffs von AstraZeneca untersuchten in erster Linie Menschen unter 65 Jahren, daher wurde der Impfstoff in mehreren Ländern auf die Verwendung in dieser Altersgruppe beschränkt. Ein Mangel an Daten bedeutet jedoch im Umkehrschluss nicht, dass Bedenken hinsichtlich der Sicherheit bestehen (das Gleiche gilt auch für schwangere und stillende Frauen). 

Tatsächlich zeigte eine aktuelle Studie aus Schottland an 5,4 Millionen Geimpften, dass der AstraZeneca ChAsOx1-Impfstoff Krankenhausaufenthalte innerhalb von vier Wochen nach der Impfung um 94 % verhindert. Neben Großbritannien empfehlen inzwischen auch andere Länder, den Impfstoff bei Menschen über 65 Jahren zu nutzen, darunter Deutschland und Frankreich.

3. Der Impfstoff von AstraZeneca ist sehr wirksam

Ein Faktor, der häufig zur Bewertung der Qualität von Impfstoffen herangezogen wird, ist ihre Wirksamkeit. Für den AstraZeneca-Impfstoff wurde eine Wirksamkeit von 76 % gegen eine symptomatische Infektion nach der ersten Injektion berichtet, die bei der zweiten Injektion auf 82 % gesteigert werden kann. Eine andere Studie berichtet von einer Wirksamkeit von 84 % gegen die Erstinfektion und immer noch 75 % Schutz gegen die UK-Variante des Virus. Dies zeigt, dass der Impfstoff auch gegen diese infektiösere Variante einen erheblichen Schutz bietet. Im Gegensatz dazu wird die Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna in klinischen Studien mit 95% bzw. 94% angegeben. Allerdings beziehen sich alle genannten Wirksamkeitsberichte auf den Anteil der Personen, die irgendeine Art von COVID-19-Symptomen zeigen, also auch leichte Verläufe. Vergleicht man wie gut die Impfstoffe vor schweren Verläufen von COVID-19 schützen (die das Gesundheitssystem hauptsächlich belasten und schließlich zum Tod führen können), so wird der Schutz durch den AstraZeneca-Impfstoff mit 100 % angegeben, ähnlich wie bei den mRNA-Impfstoffen.

Mit anderen Worten: Nach einer Impfung mit ChADOx1 könnten etwas mehr Menschen leichte und vorübergehende Symptome nach einer COVID-19-Infektion haben, aber der Schutz vor einem schweren und tödlichen Krankheitsverlauf ist so gut wie bei jedem anderen COVID-19-Impfstoff, der derzeit auf dem Markt ist.

Schließlich schneiden alle COVID-19-Impfstoffe im Vergleich zu Impfstoffen gegen andere Krankheiten extrem gut ab: So wurde die Wirksamkeit der jährlichen Grippeimpfung gegen in Deutschland in der Saison 2018/2019 mit 21 % angegeben, 2017/2018 waren es sogar nur 15 %. In der Regel wird bei der saisonalen Grippeimpfung eine Wirksamkeit von nicht mehr als 60 % erreicht.

4. Die Übertragung des Virus wird deutlich reduziert

Der Impfstoff von AstraZeneca war der erste, von dem eine Reduktion der Virusübertragung um bis zu 67 % berichtet wurde. Neben den verminderten Symptomen und dem Vermeiden eines schweren Verlaufs von COVID-19 kann die Impfung somit enorm dazu beitragen, die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen. Es ist bekannt, dass viele mit SARS-CoV-2 infizierte Personen nur geringe oder gar keine Symptome zeigen, dennoch können sie das Virus übertragen und andere infizieren.

Indem man sich mit dem Impfstoff von AstraZeneca impfen lässt, trägt man daher zur Herdenimmunität bei, da das SARS-CoV-2-Virus nach Meinung der Wissenschaftler endemisch werden wird.

5. Der Impfstoff von AstraZeneca ist weniger wirksam gegen leichte Krankheitsverläufe der südafrikanischen SARS-CoV-2-Variante

Ein weiteres generelles Problem ist die Wirksamkeit der verschiedenen Impfstoffe gegen andere Stämme, wie z. B. die B.1.351 SARS-CoV-2 Variante aus Südafrika. Dieser Virusstamm besitzt eine Veränderung in der Zusammensetzung des Spike-Proteins, welches das Hauptziel für die meisten der aktuellen COVID-19-Impfstoffe ist.

Spezifische Studien dieser südafrikanischen Mutante zeigten eine verringerte Wirksamkeit von lediglich 22 % bei der Verhinderung von leichten Verläufen einer Infektion mit dieser mutierten Variante. Als Konsequenz wurde die Verabreichung des Impfstoffs von AstraZeneca in Südafrika ausgesetzt. Allerdings wurde in der zugrundeliegenden Studie der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen nicht untersucht, unter anderem da nur junge Erwachsene eingeschlossen waren. Außerdem wurde ausschließlich die Antikörperantwort untersucht, obwohl diese nur einen Teil der gesamten Immunantwort ausmacht. Im Gegensatz dazu ist der Einfluss der B.1.351 SARS-CoV-2-Variante auf die T-Zell-Immunantwort vernachlässigbar. T-Zellen bilden generell ein effizientes Langzeit-Immungedächtnis gegen SARS-CoV-2.

Experten gehen daher davon aus, dass der AstraZeneca-Impfstoff auch gegen die südafrikanische B.1.351-Mutation noch vor schweren Verläufen schützen wird. Die WHO empfiehlt daher weiterhin den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffs, auch wenn in dem entsprechenden Land mutierte Varianten des Virus gemeldet werden. Bemerkenswert ist, dass die Wirksamkeit gegen die südafrikanische Variante von SARS-CoV-2 auch bei den Impfstoffen von Pfizer/BioNTech und Moderna geringer war.

Derzeit spielt die südafrikanische Variante bei dem Infektionsgeschehen in Luxemburg und im übrigen Europa noch eine untergeordnete Rolle, während die britische Variante B.117 derzeit die Oberhand gewinnt.

6. Der Impfstoff von AstraZeneca erfordert eine wesentlich einfachere Logistik

Der Impfstoff von AstraZeneca kann die Logistik der Verteilung enorm erleichtern: Im Gegensatz zu den mRNA-Impfstoffen von Pfizer/BioNTech und Moderna kann er bis zu einem halben Jahr im Kühlschrank gelagert werden. In der Praxis könnte dies bedeuten, dass auch bald behandelnde Ärzte den Impfstoff verabreichen und die Impfzentren unterstützen könnten. Dies könnte die Verabreichung des Impfstoffs deutlich beschleunigen.

Kürzlich wurde die Phase 5a der nationalen Impfkampagne gestartet, die alle Luxemburger ab 55 Jahren einschließt. Dabei wird auch der Impfstoff von AstraZeneca verwendet, der sich im Kampf gegen die Pandemie als unverzichtbar erwiesen hat und die gleichen Sicherheitskriterien erfüllt wie jeder andere Impfstoff auf dem Markt. Damit ein Land in kurzer Zeit einen beträchtlichen Teil seiner Bevölkerung impfen kann und gleichzeitig mit Engpässen in der allgemeinen Impfstoffversorgung zurechtkommt, ist es wichtig, dass alle Möglichkeiten effizient genutzt werden. Es ist von äußerster Wichtigkeit, so schnell wie möglich vor schweren Krankheitsverläufen und damit vor dem Tod zu schützen. Wenn daher viele Menschen einen sehr leistungsfähigen Impfstoff von AstraZeneca ablehnen, weil er möglicherweise etwas weniger wirksam bei leichten Krankheitsverläufen ist – oder aufgrund von Fehlinformationen – könnte dies den Kampf gegen die Pandemie mit all seinen Folgen für die öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft erheblich verlängern.

 

Dieser Artikel basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die in international renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Weitere Informationen zum Impfstoff von AstraZeneca finden Sie auch auf den Webseiten der WHO oder der EMA.

 

 

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