Wir müssen uns nicht für unsere Ängste rechtfertigen.

  

publiziert am 4. März 2021

Die COVID-19-Pandemie stellt für uns alle einen hohen Stressfaktor dar und wirkt sich auch negativ auf unsere psychische Gesundheit aus. Wie lassen sich unsere psychischen Reaktionen während dieser Pandemie und insbesondere gegenüber dem Impfstoff erklären? Prof. Claus Vögele, Gesundheitspsychologe an der Universität Luxemburg, erläutert wie diese psychischen Reaktionen erklärt werden können – und unterstreicht, dass wir unsere Ängste nicht rechtfertigen müssen.

 

Sehr geehrter Herr Prof. Vögele, welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die psychische Gesundheit und wie kann ein Impfstoff diese lindern?

Es ist nicht überraschend, dass in den letzten 11 Monaten eine Zunahme von Stress, Einsamkeit, Angst und Depression sowohl in Luxemburg als auch weltweit festgestellt werden konnte, wie unsere laufende Umfrage in 6 europäischen Ländern zeigt. Dieser Anstieg ist sicherlich zum Teil eine kombinierte Auswirkung der Unsicherheiten, die durch eine mögliche oder tatsächliche SARS-CoV-2-Infektion und deren Auswirkungen auf die Gesundheit verursacht werden. Er kann aber auch durch die sozialen Distanzierungsmaßnahmen erklärt werden, mit denen die steigenden Infektionsraten eingedämmt werden sollen.

Der Beginn der Impfung gibt uns nun zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie die Hoffnung, dass wir vielleicht irgendwann in diesem Jahr zu einem gewissen Maß an Normalität zurückkehren können. Ich würde erwarten, dass sich dies positiv auf die Stimmung der Menschen auswirkt, noch bevor sie geimpft werden.

Wie hat sich die Wahrnehmung der Pandemie und der ergriffenen Maßnahmen im Laufe der Zeit entwickelt?

Wir sehen in diesen Tagen in den Medien, dass ein zunehmender Anteil der Bevölkerung der ganzen Situation überdrüssig ist – was auch völlig verständlich ist, da die Pandemie uns allen viel Stress auferlegt. Im Vergleich zum Frühjahr 2020 sind die Menschen weniger bereit, sich an die aufgestellten Schutzregeln zu halten, ihre Geduld und ihr Verständnis hat teilweise nachgelassen. In diesem Zusammenhang ist die Verfügbarkeit von Impfstoffen eine sehr gute Nachricht, da dies endlich eine Perspektive bietet, alle Beschränkungen zur Verhinderung einer Ausbreitung der Krankheit zumindest in absehbarer Zeit zu beenden. 

Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die Menschen sehr genau beobachten, was in der Politik passiert. Die von Politikern ausgesendeten Botschaften haben einen deutlich sichtbaren Einfluss auf Einstellungen und Verhaltensweisen in der Bevölkerung. Die Pandemie ist eine sehr dynamische Situation, in der Botschaften als widersprüchlich wahrgenommen werden können. Dies betrifft auch die Informationen über Impfungen.

Wenn es darum geht, große Teile der Bevölkerung im Rahmen einer Impfkampagne zu erreichen, ist es für die Entscheidungsträger wichtig, die Komplexität der Beziehung zwischen Emotionen und dem Ziel der Steigerung eines präventiven Gesundheitsverhaltens zu verstehen. Eine Botschaft, die auf eine Erhöhung der wahrgenommenen sozialen Verantwortung durch eine Impfung abzielt, kann zum Beispiel nach hinten losgehen, indem sie Schuld- oder Schamgefühle hervorruft, die letzten Endes das Gegenteil der beabsichtigten Handlung bewirken. 

Daher ist es wichtig, auch Ängste, Wut und andere negative Emotionen anzuerkennen und gleichzeitig die strenge Sicherheit und Wirksamkeit der COVID-19-Impfstoffe zu betonen.

Dennoch scheinen nicht wenige Menschen Bedenken gegenüber den Impfstoffen zu haben. Woher könnte diese Unsicherheit bezüglich der Impfstoffe kommen?

Das am häufigsten geäußerte Argument gegen die COVID-19-Impfstoffe bezieht sich auf die Geschwindigkeit ihrer Entwicklung. Meist wird gefragt, wie ein sicherer und effizienter Impfstoff in so kurzer Zeit entwickelt werden konnte, während die Entwicklung von Impfstoffen normalerweise bis zu 10 Jahre dauert. Nun, die kurze Antwort lautet: Es wurde möglich durch die gemeinsame Anstrengung aller beteiligten Forscher, Mediziner und Unternehmen.

Das anhaltende Misstrauen gegen die Fähigkeit, einen solchen Prozess signifikant zu beschleunigen, ist tief verwurzelt in der weit verbreiteten Angst, dem Gefühl des Kontrollverlusts und der psychologischen Erschöpfung durch die Pandemie. Dies kann sich auch negativ auf das schützende Gesundheitsverhalten und damit auf die Impfabsichten auswirken.

Können Sie Beispiele für solche Sorgen oder Ängste nennen?

Ein weiteres Argument, das von Impfgegnern oft angeführt wird, ist das Auftreten von Nebenwirkungen. Hier ist es wichtig zu bedenken, dass es generell keine wirksame medizinische Intervention ohne Nebenwirkungen gibt. Tatsächlich ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass nach mehr als 48 Stunden nach der Injektion Nebenwirkungen auftreten, meine Kollegen haben dieses Thema bereits in ihren Interviews ausführlich thematisiert. Einige erliegen auch dem Irrglauben, dass die Impfung mit Todesfällen in Verbindung steht. Diese Menschen verwechseln dabei jedoch einen zeitlichen Korrelation mit Kausalität. Das wird sehr deutlich, wenn man sich die klinischen Studien ansieht: In einigen der Placebo-Kontrollgruppen starben sogar mehr Menschen als in der geimpften Gruppe – was an sich ja ein natürliches Phänomen ist und bei den vorliegenden Impfstoffen keineswegs mit der Impfung selbst in Zusammenhang gebracht werden kann.

Gleichzeitig ist das Herstellen von kausalen Zusammenhängen, auch wenn sie nur zeitliche zusammen fallen, tief in unserem Verstand verwurzelt. Aus evolutionärer Sicht ist dies seit Jahrtausenden eine erfolgreiche Überlebensstrategie, um Vorhersagen zu treffen, was als nächstes passieren könnte. Hier kann uns jedoch der Blick auf die wissenschaftlichen Zahlen helfen, die eigentliche Gefahr, nämlich das Virus selbst, besser zu verstehen und einzuschätzen.

Wie hängt die Angst vor Impfstoffen mit dem Alltagsverhalten der Menschen zusammen?

Der wichtige Unterschied zwischen einer Impfung und dem Aussetzen einer möglichen Infektion ist die Tatsache, dass es sich bei ersterem um einen medizinischen Eingriff handelt. Es mag verständlich sein, dass es für einige ein Unterschied darin besteht, die eigene alltägliche Verhaltensweise zu ändern oder eine körperfremde Substanz wie ein Impfstoff in unseren Körper injizieren zu lassen. Ebenso könnte ein Spaziergang auf der Straße, bei dem man sich zufällig mit SARS-CoV-2 ansteckt, einfach als Pech empfunden werden, da keine aktive Handlung stattfand und die Infektion wahrscheinlich nicht unmittelbar bemerkt wurde. Ein anderes Beispiel: Übermäßiges Rauchen oder Alkoholkonsum wirken sich bekanntermaßen negativ auf die Gesundheit aus, dennoch empfinden wir solche Verhaltensweisen mitunter sogar als belohnend, weil sie uns für eine gewisse Zeit die Angst nehmen können.

Menschen haben oft Ängste in Bezug auf die Wirksamkeit eines Impfstoffs und seine möglichen Nebenwirkungen. Höchstwahrscheinlich mag niemand das Gefühl an sich, eine Spritze zu bekommen, deshalb sollten Ängste in diesem Zusammenhang als eine völlig normale Reaktion verstanden werden. Man muss sie nicht rechtfertigen, sondern kann sich statt dessen mit den vielen triftigen Gründen auseinandersetzen, warum es trotzdem sinnvoll ist, sich impfen zu lassen. Angst und Panik sind immer ein schlechter Ratgeber, man sollte seinen Verstand benutzen.

Nach wie vor gibt es viele Mythen rund um Impfungen, die allesamt entlarvt wurden, aber leider auch in der aktuellen Corona-Krise wiederbelebt werden. Solche Verschwörungstheorien schüren die Ängste vieler Menschen und damit das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, was ein Grundbedürfnis von uns allen ist. Es ist daher wichtig, die eigenen Ängste anzuerkennen, aber gleichzeitig die Fakten zu berücksichtigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen nicht vergessen sollten, wie viele Todesfälle und Krankheiten Impfstoffe verhindert haben, und wie sie uns weiterhin vor potenziell verheerenden Formen von Infektionskrankheiten schützen.

Kann das Verständnis der Bedeutung von Impfungen somit auch helfen kann, die eigenen Ängste zu überwinden?

Nun, wir können nicht versprechen, dass Impfstoffe die Menschen von all ihren Ängsten befreien werden. Was wir aber sagen können ist, dass sie in der Tat mit sehr hoher Wirksamkeit vor einer sehr ansteckenden – und für viele tödlichen – Krankheit schützen. Die Distanzierungsmaßnahmen, die jetzt durchgeführt werden, lösen bei vielen Menschen ebenfalls Ängste, Einsamkeit und Depressionen aus. Besonders für diejenigen, die allein leben oder in Altersheimen untergebracht sind, wird dies mit der Zeit immer gravierender.

Daher können soziale Distanzierungsmaßnahmen nicht als langfristige Strategie oder Alternative zur Impfung dienen, da sie die Ausbreitung des Virus nur teilweise verlangsamen, ohne eine Immunität zu hervorzurufen. Wenn es uns jedoch gelingt einen ausreichenden Teil der Bevölkerung zu impfen, wird kaum die Notwendigkeit bestehen, diese Maßnahmen noch wesentlich zu verlängern.

 

Claus Vögele, ordentlicher Professor für Gesundheitspsychologie und Leiter des Fachbereichs Verhaltens- und Kognitionswissenschaften an der Universität Luxemburg, im Spotlight

Claus Vögele ist ordentlicher Professor für Gesundheitspsychologie und Leiter des Fachbereichs Verhaltens- und Kognitionswissenschaften an der Universität Luxemburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Klinische, Gesundheits- und Biologische Psychologie, Psychophysiologie und Verhaltensmedizin.

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