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Wohlbefinden am Arbeitsplatz: auf dem Weg zu neuer Work-Life-Balance?

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Veröffentlicht am Mittwoch, den 07. April 2021

Das Projekt W@W ist eines von sechs neuen interdisziplinären Forschungsprojekten, die im Rahmen des Förderinstruments Audacity des Institute for Advanced Studies der Universität eine mehrjährige Förderung erhielten.

Das Projekt W@W (Wellbeing @ Work), unter der Leitung des Juristen Prof. Luca Ratti und der Psychologen Profs. Anna Elena Kornadt und Claus Vögele, untersucht, wie sich das Wohlbefinden von Mitarbeitenden im Homeoffice seit Beginn der Pandemie verändert hat und wird Erkenntnisse für die Einführung neuer Regulierungsinstrumente und -praktiken liefern. 

Vor der COVID-19-Pandemie konzentrierte sich die Forschung zu den Grundrechten und dem Wohlbefinden von Arbeitnehmern/innen hauptsächlich auf Bedenken im Zusammenhang mit der Digitalisierung, der Automatisierung von Arbeitsumgebungen und dem Aufkommen neuer digitaler Arbeitsformen. Mit dem Beginn der Pandemie hat sich der Fokus erweitert. Die Pandemie hat zu Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen von Millionen von Arbeitnehmern/innen geführt.  Seit Anfang 2020 haben etwa 40 % der Beschäftigten in der EU begonnen, Vollzeit in Telearbeit zu arbeiten, und werden wohl auch in absehbarer Zukunft in irgendeiner Form zu Hause arbeiten. In Luxemburg haben mehr als 56 % der Befragten im April/Mai 2020 aufgrund der COVID-19-Situation begonnen, von zu Hause aus zu arbeiten. Der Umzug in das begrenzte Homeoffice leitete einen radikalen Wechsel des Arbeitsparadigmas ein: Der Arbeitsplatz, wie wir ihn traditionell kannten, verschwand unerwartet und ließ Arbeitnehmer/innen und Arbeitgeber gleichermaßen ohne einen stabilen Anker zurück.

„Die jüngsten und laufenden COME-HERE- und PANDEMIC-Studien zur Erfassung des Wohlbefindens der Bevölkerung während der Pandemie haben gezeigt, dass immer mehr Menschen im Homeoffice mit physischen und vor allem psychischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Diese sind auf Faktoren wie fehlende persönliche Kontakte zu Kollegen, ungeeignete Arbeitsumgebungen zu Hause, das Fehlen sozialer Zusammenkünfte, endlose Arbeitszeiten und Arbeit am Wochenende zurückzuführen“, erklärt Prof. Vögele, klinischer und Gesundheitspsychologe an der Fakultät für Geisteswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften (FHSE). Im Projekt W@W will er gemeinsam mit seiner Kollegin Prof. Kornadt die Wechselwirkungen von psychischer Gesundheit, Gesundheitsverhalten und Veränderungen in der Arbeitswelt untersuchen. „Es wird interessant sein zu sehen, wie sich veränderte Arbeitsstrukturen und -regelungen auf das Wohlbefinden von Menschen über die Lebensdauer und in unterschiedlichen Lebenskontexten auswirken: Was passiert mit älteren Menschen, die es bisher weniger gewohnt waren, von zu Hause oder digital zu arbeiten? Oder mit Menschen mit familiären Verpflichtungen? Dieselben Regeln und Vorschriften können sich auf Menschen sehr unterschiedlich auswirken, je nach Ressourcen und ihrer Situation“, sagt Prof. Kornadt, Psychologin und Leiterin des Institute of Lifespan Development, Family and Culture an der FHSE.

Die Politik versucht, solchen Veränderungen in der Arbeitswelt schnell zu begegnen, indem sie die Einführung neuer Gesetze erwägt. In Deutschland ist beispielsweise geplant, ein Recht auf Homeoffice für mindestens 24 Tage im Jahr nach Ende der Pandemie einzuführen. Der Gesetzesentwurf sieht außerdem vor, dass die Arbeitszeiten im Homeoffice digital dokumentiert werden müssen. Frankreich hatte bereits zum 1. Januar 2017 ein sogenanntes Recht auf Abschaltung für Arbeitnehmer/innen eingeführt, die Telearbeit machen. Das bedeutet, dass Arbeitnehmer/innen das Recht haben, ihre Geräte nach der Arbeit auszuschalten – ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, wenn sie E-Mails, Anrufe oder Nachrichten nicht beantworten. In der Realität müssen die Details noch auf Unternehmensebene festgelegt werden; die Entscheidung, ob und wie solche Rechte gewährt werden, liegt im Ermessen der Arbeitgeber, und es sind keine Sanktionen für Arbeitgeber vorgesehen, die sich nicht daran halten.

Regelungen für Home-Office-Tätigkeiten sind eindeutig erforderlich, sollten aber auf empirischen Erkenntnissen beruhen. Das W@W-Projekt zielt darauf ab, die politischen Entscheidungsträger mit empirischen Beweisen über die Auswirkungen von Veränderungen bei der Regulierung der Arbeit und der Gesundheit und des Wohlbefindens von Arbeitnehmern/innen während des gesamten Arbeitslebens zu unterstützen. Prof. Luca Ratti, Jurist für europäisches und vergleichendes Arbeitsrecht an der Fakultät für Recht, Wirtschaft und Finanzen, koordiniert den juristischen Teil von W@W. „In der ersten Phase wird das Projekt die Daten aus den sechs Ländern analysieren, die im Rahmen der Projekte COME-HERE und PANDEMIC (Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Italien, Spanien und Schweden) zu den Themen Telearbeit, Privatsphäre am Arbeitsplatz sowie Lohnpolitik und Produktivität untersucht wurden. Wir werden von der Zusammenarbeit mit dem in Luxemburg ansässigen Unternehmen Ferrero profitieren, das sich bereit erklärt hat, das Projekt zu unterstützen und sich als Fallstudie zu Verfügung stellt. In einer zweiten Phase wird das Projekt strukturelle regulatorische Änderungen bewerten, die während oder aufgrund der Pandemie eingeführt wurden, mit dem Ziel, politische Vorschläge auszuarbeiten“, erklärt Prof. Ratti.

Das W@W-Projekt beginnt am 1. Mai 2021.

© Photo: Ekaterina Bolovtsova / Pexels