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Chemische Verschmutzung bedroht die Artenvielfalt

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Veröffentlicht am Freitag, den 17. Juni 2022

Eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern weist Entscheidungsträger auf die weitreichenden Auswirkungen der chemischen Verschmutzung auf Ökosysteme hin, während die Verhandlungen über ein neues internationales Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt fortgesetzt werden.

Rahmenentwurf beschränkt sich auf Nährstoffe, Pestizide und Kunststoffe

Die nächste Diskussionsrunde über den Globalen Rahmen für die biologische Vielfalt nach 2020 findet vom 21. bis 26. Juni in Nairobi, Kenia, statt. In einem in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Brief betonen Umweltwissenschaftler, Ökologen und Politikexperten, dass der Entwurf des Abkommens die immense Vielfalt der Chemikalien, die die Umwelt verschmutzen, die biologische Vielfalt beeinträchtigen und die Gesundheit der Ökosysteme weltweit bedrohen, nicht berücksichtigt.

Die Hauptautoren, Dr. Gabriel Sigmund, Gruppenleiter am Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft an der Universität Wien, und Dr. Ksenia Groh, Leiterin der Bioanalytikgruppe an der Wasserforschungsinstitut Eawag, kommentieren: "Obwohl der Rahmenentwurf die chemische Verschmutzung erwähnt, greift er in einer Reihe wichtiger Punkte zu kurz, indem er sich auf Nährstoffe, Pestizide und Kunststoffe beschränkt, während viele Chemikalien, die sehr besorgniserregend und wichtig sind, unberücksichtigt bleiben."

Eine Vielzahl von Schadstoffen und möglichen Auswirkungen

Das Verständnis der Umweltexposition und ihrer Folgen ist aufgrund der Vielfalt der Schadstoffe und der Vielzahl möglicher Auswirkungen eine gewaltige Aufgabe. "Es ist von entscheidender Bedeutung, die Exposition gegenüber zahlreichen Chemikalien und ihre Auswirkungen auf lebende Organismen sowie den Einfluss ihrer Umwandlungsprodukte und der in unserer Umwelt vorkommenden Mischungen zu berücksichtigen", erläutert Adelene Lai, Mitglied der Gruppe Environmental Cheminformatics des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB) an der Universität Luxemburg und Mitverfasserin des Schreibens.

"Wir haben zum Beispiel kürzlich Stoffe mit unbekannter oder variabler Zusammensetzung, komplexe Reaktionsprodukte oder biologische Materialien (UVCB) untersucht, die noch immer schlecht charakterisiert, aber von großer Umweltrelevanz sind. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen ihnen und den lebenden Organismen können sich negativ auf die Artenvielfalt auswirken.“ Lai und Kollegen wiesen kürzlich darauf hin, dass UVCB 20-40 % aller registrierten chemischen Stoffe ausmachen, ihre Identität aber oft unklar oder unbekannt ist. "Deshalb fordern wir die Verhandlungsführer und die gesamte Gemeinschaft auf, diese Erkenntnisse zu berücksichtigen und den Geltungsbereich der Biodiversitätsziele zu erweitern, um der Komplexität der chemischen Verschmutzung Rechnung zu tragen.“

Die chemischen Gruppen, die derzeit im Entwurf des Abommens für die biologische Vielfalt berücksichtigt werden, sind allesamt wichtige Bedrohungen für die biologische Vielfalt. Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Liste jedoch einfach nicht umfangreich genug. Zu den zahlreichen verschmutzenden Chemikalien, die derzeit in diesem Abkommen nicht berücksichtigt werden, gehören toxische Metalle wie Quecksilber, persistente Schadstoffe wie Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS), Chemikalien aus Verbraucherprodukten und Arzneimittel, die in der Umwelt weit verbreitet sind.

Chemikalien ausgesetzten Pflanzen und Tiere sind gefährdet

So sind beispielsweise die Populationen von Orca-Walen vor den Küsten Kanadas, Brasiliens, Japans und Gibraltars bedroht, weil sie hohe Konzentrationen von Industriechemikalien in ihren Körpern aufweisen. Stoffe, die als Flammschutzmittel verwendet werden, und die "ewigen" PFAS-Chemikalien verursachen bei einer Reihe von Tieren - von Eisbären bis zu Singvögeln - Verhaltens- und andere physiologische Veränderungen, die ihre Fortpflanzungsfähigkeit gefährden können. Erschwerend kommt hinzu, dass Pflanzen und Tiere, die giftigen Chemikalien ausgesetzt sind, noch stärker gefährdet sind, da der Klimawandel sie durch höhere Temperaturen belastet und ihre Nahrungsgrundlage bedrohen kann.

"Die unwiderlegbaren Beweise für einen Cocktail chemischer Schadstoffe, die in jedem Ökosystem der Welt zu finden sind, einschließlich der abgelegenen Ökosysteme in der Arktis, Antarktis und im Himalaya, sollten die Verhandlungsführer des neuen Rahmens für die biologische Vielfalt dazu zwingen, diese als Bedrohung für die globale biologische Vielfalt mit einzubeziehen", so die Mitverfasserin Miriam Diamond, Professorin in der Department of Earth Sciences und der School of the Environment  an der Universität Toronto.

In dem Schreiben wird eine Zusammenarbeit interdisziplinärer Forschungsteams gefordert, um diese komplexen Wechselwirkungen umfassend zu erforschen, da weder die wissenschaftliche Gemeinschaft noch die Geldgeber diese Notwendigkeit bisher in vollem Umfang erkannt oder angemessen darauf reagiert haben, während die biologische Vielfalt in vielen Gebieten der Welt zurückgeht.

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Referenzen:

Der Science-Artikel wurde vom International Panel on Chemical Pollution mitinitiiert.

 

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