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Forschung zu den Auswirkungen von Kriegen auf das Wahlverhalten

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Veröffentlicht am Donnerstag, den 19. Oktober 2017

Prof. Dr. Josip Glaurdić von der Universität Luxemburg hat ein „Starting Grant“ des Europäischen Forschungsrats (ERC) für das Forschungsprojekt „ELWar“ erhalten. Das fünfjährige Projekt wird die Auswirkungen des Krieges auf das politische Verhalten in Südosteuropa untersuchen.

 

 

ELWar steht für „Electoral Legacies of War: Political Competition in Postwar Southeast Europe“ (Auswirkungen des Krieges auf Wahlen: Politischer Wettbewerb im Südosteuropa der Nachkriegszeit) und beschäftigt sich mit der Entwicklung des politischen Wettbewerbs und dem Wahlverhalten in den vergangen dreißig Jahren nach den Kriegen in sechs Ländern: Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien.

Krieg verändert Menschen und die Gesellschaft tiefgreifend über Jahrzehnte. Er zerstört das gesellschaftliche, wirtschaftliche und physische Gefüge sowie die Sozial-, Gender- und Klassenstrukturen. „Die politischen Entscheidungen, die nach einem Konflikt von Individuen und Parteien bewusst oder unbewusst getroffen werden, werden ihre Gesellschaft bedeutend umgestalten“, erklärt Prof. Dr. Josip Glaurdić. „Wir wissen jedoch sehr wenig darüber, was diese Entscheidungen beeinflusst. Unsere Aufgabe ist es, die Faktoren zu identifizieren, die sich auf die Politik der Nachkriegszeit auswirken, und herauszufinden, wie sie den politischen Prozess, gewollt oder ungewollt, unterstützen oder behindern.

„Die Art wie Mitglieder einer Gesellschaft Gewalt erlebt haben und insbesondere wie sie sie in Erinnerung behalten, ist bei diesem Prozess von Bedeutung. In südosteuropäischen Staaten benutzen politische Akteure die Vergangenheit, um politischen Strategien zu verfolgen, Stimmen zu mobilisieren oder eine bestimmte Politik durchzusetzen. Das macht es schwer für Menschen, die tiefe Frustration zu überwinden und in die Zukunft zu schauen.“

Eine neue Forschungsperspektive

Die Politikwissenschaft tendiert dazu, sich auf Wahlen und Demokratisierung in kurzer Zeit nach Ende eines Konfliktes zu konzentrieren. Gewalt ausgesetzt zu sein hat jedoch längerfristige Auswirkungen auf das Wahl- und Politikverhalten. Ebenso werden politische Akteure von Politikwissenschaftlern oft als unabhängige Entscheidungsträger betrachtet, dabei sind sie eigentlich Teil eines großen und komplexen Zusammenhangs. „Das bedeutet, dass wir wenig über die Art und Weise wissen, wie Konflikte ganze politische Systeme über lange Jahre beeinflussen, welche Faktoren sich auf die Wahlergebnisse auswirken oder die Regierungsweise in diesen Ländern“, erläutert Prof. Glaurdić. „Zum Beispiel stellt sich die Frage, ob die Wahlen der Nachkriegszeit von den Erfahrungen und Wahrnehmungen des Konfliktes der Wähler beeinflusst werden oder ob vielmehr deren Einschätzung der Leistungen der Parteien in Zeiten des Friedens.“

ELWar zielt darauf ab, diese Wissenslücke im Forschungsfeld der Politikwissenschaften zu schließen. Im Zuge des Projektes wird das Forschungsteam Ergebnisse in Form von interaktiven Karten, Büchern und drei internationalen Konferenzen in Luxemburg vorstellen. Das Material wird auf der Internetseite elwar.uni.lu abrufbar sein.

Eine ganzheitliche Forschungsmethode

Um einen ganzheitlichen Überblick des politischen Geschehens in der Nachkriegszeit zu erhalten, wird das Forschungsteam um Prof. Glaurdić drei Gesellschaftsgruppen untersuchen: politische Parteien, Wähler und Gemeinden. Analysen von parteiinternen Dokumenten und Plattformen, Beziehungen der Parteien mit der Zivilgesellschaft sowie Interviews mit Parteivertretern und Aktivisten werden Aufschluss darüber geben, wie Kriege sich auf Wahlstrategien, politische Präferenzen und Rekrutierungsmethoden auswirken.

Auf Gemeindeebene werden Angaben zu Wahlen, Wirtschaft, Gesellschaft und Demographie sowie Informationen zu Verlusten an Menschenleben und physische Zerstörung zeigen, inwiefern Menschen Gewalt ausgeliefert waren und wie Krieg sich auch Jahrzehnte nach Kriegsende weiterhin auf die Politik auswirkt.

Foto: Christophe Lesschaeve, Josip Glaurdić, Michal Mochtak, © Universität Luxemburg