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Ungeklärter Fall? – Forscher erkunden die Zukunft forensischer Genomik

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Veröffentlicht am Mittwoch, den 10. März 2021

Sechs neue interdisziplinäre Forschungsprojekte haben eine mehrjährige Förderung im Rahmen des Förderinstruments Audacity des Institute for Advanced Studies der Universität erhalten.

Das Projekt CRIMTYP, unter der Leitung von Prof. Silvia Allegrezza von der Fakultät für Recht, Wirtschaftswissenschaften und Finanzwirtschaft und Dr. Patrick May vom Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB), erforscht die Zukunft der forensischen Genomik. Das Projekt kombiniert akademische Fachbereiche der Universität Luxemburg mit Strafverfolgungsbehörden sowie öffentlichen und privaten Akteuren im Bereich der Genomik und Next Generation Sequencing.

Innerhalb der letzten 15 Jahre hat die DNA-Sequenzierung die humangenetische Forschung revolutioniert. Es ist nun möglich, ein komplettes menschliches Genom kostengünstig und effizient zu sequenzieren. Neue Methoden eröffnen neue Möglichkeiten für das sogenannte Forensic DNA Phenotyping (FDP) – das Abschätzen äußerlich sichtbarer Merkmale einer Person, die an einem Tatort Spuren ihrer DNA hinterlassen hat – sowie die Untersuchung von vererbbaren Phänotypveränderungen zur Aufklärung von Verbrechen. . FDP kann auf konkrete genetische Aspekte hinweisen: Eine Probe vom Tatort kann Informationen über Haar-, Haut- und Augenfarbe oder Alter, biogeografische Abstammung, geografische Herkunft, Verwandtschaft, Abstammung, Verhalten oder genetische Krankheiten des potenziellen Täters liefern.

Diese revolutionäre Technik hat ihre Wirksamkeit bereits im Fall des Golden State Serial Killer bewiesen, einem Einbrecher, Stalker, Spanner, Vergewaltiger und Mörder, von dem bekannt ist, dass er zwischen 1974 und 1986 in Kalifornien 12 Opfer ermordet und über 50 weitere vergewaltigt hat. Der Fall blieb mehr als 40 Jahre lang ungelöst, bis die Ermittler 2018 mithilfe von DNA-Genealogie (Familienforschung) den Täter aufspüren und verhaften konnten.

Ungelöste Serienverbrechen wie der Golden State Killer-Fall sind Gegenstand verschiedener Cold-Case-Task Forces geworden, die neueste forensische Techniken verwenden, von denen viele bemerkenswerte Erfolge erzielt haben. Forensische Werkzeuge, die zum Zeitpunkt der ursprünglichen Verbrechen nicht verfügbar waren, werfen neues Licht auf zuvor ungelöste Straftaten geworfen und ermöglichen es den Ermittlern, Fälle miteinander zu verbinden, um zuvor ungesehene Verbindungen festzustellen und Erkenntnisse zu kombinieren.

Während diese Techniken die kriminalpolizeilichen Ermittlungen revolutionieren, stellen sie auch nie dagewesene Herausforderungen dar: Wenn nicht-genetische Faktoren an der Entstehung bestimmter Merkmale (wie Größe oder Verhalten) beteiligt sind, könnten die Ergebnisse von FDP missverstanden werden? Kann FDP mehr vorhersagen als das äußere Erscheinungsbild? Und aus rechtlicher Sicht: In welchem Umfang und unter welchen Bedingungen sollten FDP-bezogene Informationen in Datenbanken gespeichert werden? Wie könnte oder sollte der Schutz der Grundrechte des „unbekannten“ Individuums verbessert werden?

Das interdisziplinäre Projekt beabsichtigt, Rechts- und Genetikwissenschaften zu kombinieren, um diese Fragen zu beantworten und die Zukunft von FDP zu erforschen, während gleichzeitig die Privatsphäre und die Rechte der Bürger auf ein faires Verfahren geschützt werden. Prof. Silvia Allegrezza ist außerordentliche Professorin für Strafrecht und Strafprozessrecht. Als Expertin für Strafrecht hat sie umfangreiche Forschungen über die Beziehung zwischen Regulierungs- und Strafrecht im Bank- und Finanzwesen (einschließlich Kryptowährungen, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung) sowie Strafrecht und Grundrechte in Europa durchgeführt.

Dr. Patrick May leitet das Genomanalyse-Team innerhalb der Bioinformatik-Gruppe am LCSB. Als Experte für Genomik und Next Generation Sequencing (NGS)-Anwendungen hat er an umfangreichen internationalen Forschungsprojekten zur Genetik bei komplexen Krankheiten wie Epilepsie und Parkinson teilgenommen.

„FPD wird bereits in großem Umfang in der Kriminalistik eingesetzt, aber die zugrundeliegenden genetischen Technologien hinken dem aktuellen Stand der Technik in der Genomik hinterher. Mit dem Aufkommen neuer genomischer Präzisionstechnologien, insbesondere NGS, und der Möglichkeit, ein komplettes menschliches Genom für weniger als 300 EUR zu sequenzieren, wird das FDP einen weiteren Schub in Bezug auf Möglichkeiten, Präzision und Zuverlässigkeit erhalten. Das wird natürlich mit vielen ethischen und rechtlichen Herausforderungen einhergehen, die es zu bewältigen gilt“, sagt Dr. May.